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Warten auf das Coming-Out – Homosexualität im Frauenfußball

Dass es viele lesbische Fußballerinnen gibt, ist ein offenes Geheimnis. Schätzungen zufolge liegt die Quote lesbischer und bisexueller Spielerinnen in den meisten Frauenmannschaften – einschließlich der Nationalmannschaft – sogar deutlich höher als die Quote heterosexueller Spielerinnnen. Ein prominentes Coming-Out, unter Umständen sogar einer Nationalspielerin, hat es jedoch bisher noch nicht gegeben.

Bereits vor einem Jahr widmete der Sportsender DSF dem Thema Homosexualität im Fußball einen Beitrag, in dem u.a. die ehemalige Bundesligaspielerin Tanja Walther-Ahrens zu Wort kam. In einer Nachfolgesendung mit dem Titel „Tabubruch – Der neue Weg von Homosexualität im Fußball“, die vom DSF im Mai ausgestrahlt wurde, äußern sich nun auch die aktuellen Nationalspielerinnen Linda Bresonik und Inka Grings zu den möglichen Gründen für das bisher ausgebliebene Coming-Out.

Für die beiden hat die fehlende Offenheit prominenter Spielerinnen viel mit dem Wunsch nach Privatsphäre und der Angst vor der Sensationsgier der Medien zu tun. Und sie müssen es wissen, schließlich wurde ihre Beziehung unfreiwillig von der Bild-Zeitung geoutet. Zum Hintergrund: Vor einigen Jahren trennte sich Inka Grings von Linda Bresonik und ging eine Beziehung mit dem ehemaligen Bundesliga- und Nationalspieler Holger Fach ein. Nachdem diese Beziehung endete, wurden Holger Fach und Linda Bresonik ein Paar. Für die Boulevard-Presse, allen voran die Bild-Zeitung, war dieses „Liebes-Dreieck“ natürlich ein gefundenes Fressen.

Neben Inka Grings und Linda Bresonik äußert sich auch die Trainerin der beiden beim DFB- und UEFA-Pokalsieger FCR 2001 Duisburg, Martina Voss, vor der Kamera. Ihre Nationalmannschaftskarriere endete 2000 abrupt, als sie nach einem Streit mit ihrer damaligen Freundin Inka Grings unter einem Vorwand ein Trainingslager verließ. Obwohl sie Trainerin Tina Theune-Meyer die Notlüge beichtete, wurde sie danach nicht mehr in die Nationalauswahl berufen. Angeblich – so spekulierte zumindest der Spiegel im Jahr 2004 – habe sie mit ihrer Offenheit gegen das ungeschriebene Gesetz des DFB verstoßen, dass die Homosexualität der Spielerinnen geduldet werde, solange sie nicht zum öffentlichen Thema oder Ärgernis wird. Martina Voss freut sich daher besonders über die wachsende Offenheit, mit der sich der DFB in den letzten Jahren unter Präsident Theo Zwanziger dem Thema Homosexualität im Fußball widmet, und wünscht sich von den betreffenden Spielern und Spielerinnen ebenfalls mehr Mut zur Offenheit.

Was die Dokumentation geflissentlich und vielleicht auch aus gutem Grund verschweigt: Martina Voss hat vor einigen Jahren in einem Spiegel-Interview erklärt, dass sie auf Männer steht, und Linda Bresonik ist noch immer mit Holger Fach liiert. Das allein disqualifiziert sie zwar natürlich nicht, sich zu diesem Thema zu äußern. Und vielleicht ist es auch gerade dieser in der Presse so öffentlich gemachten Situation zu verdanken, dass die drei Frauen sich überhaupt so offen vor der Kamera äußern können. Trotzdem: Das beste Beispiel für das Thema Homosexualität im Fußball geben gerade sie damit nicht ab.

Das Warten auf ein Coming-Out einer prominenten Spielerin, die Frauen – und nur Frauen – liebt, geht also weiter.

Update (Juli 2010): Mit Torfrau Ursula Holl hat jetzt eine Spielerin den Anfang gemacht. Den Artikel dazu gibt’s hier.

Diskussionen

4 Gedanken zu “Warten auf das Coming-Out – Homosexualität im Frauenfußball

  1. Gerade gestern habe ich die – wie ich finde sehr gelungene – Reportage gesehen. Die Stelle, die mich am meisten berührt hat, war, als Linda Bresonik von ihren Erfahrungen mit der Bildzeitung berichtete und ein wenig später noch einmal mit Tränen in den Augen auf der Bank sitzend eingeblendet wurde. Es ist schlimm (und zwar für jeden!), wenn das Privatleben so in die Öffentlichkeit gezogen wird!

    Was bei diesem 'Liebes-Dreieck' natürlich erschwerend dazu kam, war das Detail "sexuelle Orientierung", was ein öffentliches Outing nach sich zog und mit nichts zu rechtfertigen ist. Die Entscheidung über eine Bekanntgabe sollte jeder selbst treffen und wenn sich ein Mensch in den von der Mehrheit bestimmten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erst einmal gegen die Öffentlichkeit entscheidet, muss das akzeptiert werden. Umso wichtiger finde ich, dass es Reportagen wie die oben erwähnte gibt. Der Weg zu einer Akzeptanz von Homosexualität (im Fußball) in unserer Gesellschaft wird dadurch geebnet und das Warten auf Coming-Outs prominenter FußballspielerInnen hoffentlich ein wenig verkürzt.

    Verfasst von sealegs | 9. Juni 2009, 22:25
  2. Also ich hab die Dokumentation (genauso wie die vorherige) damals auch gesehen und fand sie wirklich sehr informativ.

    Also ich kann gut verstehen dass das niemand sagen will. Ich würde als Sportlerin meinen Namen wenns ginge auch nur im Sportteil lesen wollen mit Worten wie Tor und Abwehr und nicht mein Liebesleben auseinandergepflückt bekommen. Ich finds dahingehend auch immer nicht besonders schön, wenn allerorts Gerüchte gestreut werden oder wild spekuliert wird, bevor sich die entsprechende Person selbst zu äußern möchte. Geht einen ja auch nichts an. Ich will mein Privatleben auch privat halten.
    Anderseits wäre es für die allgemeine Akzeptanz natürlich schon schön wenn es möglich wäre das Spielerinnen, ohne Details ihres Liebeslebens in der Zeitung lesen zu müssen, dazu stehen könnten und würden. Von sich aus. Ich fänds auch schön wenn sie dann gleichzeitig sagen könnten dass sie nun aber mit einem Mann zusammen sind, was ja auch okay ist. Aber ich denke ja irgendwie dass das noch dauern wird. Irgendwie.

    Verfasst von Bioschokolade | 11. Juni 2009, 19:33
  3. Ich bin selber in meiner Gegend eine sehr bekannte Fußballspielerin und selber lesbisch. und wenn man sich outet (was nicht sehr leicht ist) ist man selber viel besser drauf und kann auch viel freier Leben 😀 emfehl ich jedem ;D
    find den artikel und dir reportage super 🙂

    Verfasst von Shorty | 2. August 2010, 22:54
  4. Danke für alle eure Kommentare. 🙂

    @Shorty: Zu deinem Kommentar hätte ich eine Frage: Warum ist ein Outing im Fußball denn nicht so leicht? Natürlich ist es selten leicht, sich zu outen, aber ist es im Fußball tatsächlich schwerer, und wenn ja, hast du eine Idee warum?

    Würde mich freuen, wenn du Lust hättest, das ein bißchen näher zu beschreiben, entweder als Kommentar oder sonst gern auch per Mail (mel@melsblog.de).

    Verfasst von MeL | 2. August 2010, 23:11

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